Jean Paul im Blätterrascheln

Endlich scheint Jean Paul in Bayreuth "angekommen": Der fränkische Dichter Jean Paul war zu seiner Zeit fast erfolgreicher als Goethe, wurde von Nietzsche verfehmt und erst in den letzten Jahrzehnten so richtig wiederentdeckt. Eine kleine Wanderung auf dem 2013 fertig gestellten Jean-Paul-Wanderweg durch Oberfranken.

 Wunderbare Station des Jean-Paul-Wanderweges ist der Schlosspark Fantaisie in Donndorf/Eckerndorf westlich von Bayreuth. (Foto: Claudia Lange)

Wunderbare Station des Jean-Paul-Wanderweges ist der Schlosspark Fantaisie in Donndorf/Eckerndorf westlich von Bayreuth. (Foto: Claudia Lange)

Berühmter als Goethe und Schiller? Aber nicht halb so bekannt? Der Dichter Jean Paul (geboren als Johann Paul Friedrich Richter 1763 in Wunsiedel, gestorben 1825 in Bayreuth) gehört zu den Künstlern, die man geschätzt, verkannt, fast vergessen und dann wiederentdeckt hat. Dabei wird er zu den einflussreichsten und ausdrucksstärksten Dichtern seiner Zeit gezählt. Immerhin ist er ein Zeitgenosse von Goethe, Schiller und Herder.

Darum habe ich mich vor einiger Zeit auf die Spuren von Jean Paul um Bayreuth begeben. Immerhin ist er einer der wichtigsten Dichter Frankens und Deutschlands. Und: gilt als der wichtigste in Bayern. In Bayreuth verbrachte er seine letzten einundzwanzig Jahre.

Sind die Füße unterwegs, ist der Kopf frei. Deshalb ist das Nachsinnen, Nachspüren eines DichterInnenlebens durch Wald und Flur eine wunderbare Mischung aus Genuss und Anregung. Den ganzen neu gestalteten Jean-Paul-Wanderweg durch Oberfranken zu erwandern würde viel Zeit benötigen, denn der ist 200 km lang. Sich Teilstücke zu erlaufen, ist also die passende Alternative für einen Sonntagnachmittag. Ich entscheide mich für das Teilstück westlich von Bayreuth. Startpunkt ist das Stadtgartenamt, das frühere Schlösschen Meyernberg. „Jean Pauls Bruder Adam, Soldat und Barbier, starb verarmt und nach langer Wanderschaft hier, wo sich damals ein Rittergut und ein kleines Dorf befanden“, informiert das sehr schön gestaltete Faltblatt zum Wanderweg an dieser Stelle.

 Im ehemaligen Schlösschen Meyernberg ist heute das Stadtgartenamt untergebracht. (Foto: Berg)

Im ehemaligen Schlösschen Meyernberg ist heute das Stadtgartenamt untergebracht. (Foto: Berg)

Ein „literarisch-philosophischer Jean-Paul-Weg im Arkadienland Oberfranken“ ist bei der Gestaltung des Wanderweges herausgekommen. Er verbindet die Landkreise Wunsiedel, Hof, Bayreuth und Kulmbach. Sonderstationen und Texttafeln mit Zitaten und Aussprüchen des Dichters informieren und regen auf dem Weg an. Wanderweg und Faltblatt hatten mehrere Städte und der Landkreis Bayreuth zum Jubiläum 2013 fertig gestellt, nach etwa 13jähriger Planungszeit. Jean Paul wäre in dem Jahr 250 Jahre alt geworden. Dr. Karla Fohrbeck, ehemalige Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, hat das Konzept dafür maßgeblich umgesetzt.

Er beginnt in Joditz, 60 Kilometer nördlich von Bayreuth, und führt bis zum wunderschönen Schloss und Park Fantaisie in Donndorf/Eckersdorf westlich von Bayreuth. In Joditz verbrachte er seine prägenden Jugendjahre. Der Endpunkt Schloss Fantaisie war „für den begeisterten Naturliebhaber und romantiker (…) 'der erste Himmel_, in dem er einige seiner schönsten Romanszenen spielen ließ“, wie die Stadt Bayreuth auf ihrer Website schreibt.

Jean Paul fühlt und schreibt ständig zwischen Realismus und Romantik. Deshalb sieht ihn die Literaturwissenschaft zwischen Klassik und Romantik in einer Sonderstellung. Seine Texte sind voll von Zitaten und Metaphern, voller Empfindungsreichtum, voller Gedanken und Gedankensprünge. Damit hat er wohl auch eigene existenzielle Ängste und Erfahrungen versucht, zu überspielen, zu überschreiben. Denn er wächst nicht nur abseits der politisch-literarischen Zentren unter großer väterlicher Strenge auf. Als Student und Hauslehrer drückt ihn fürchterliche Armut, er flieht sogar vor Gläubigern nach Hof. Hinzu kommen der frühe Tod des Vaters, gleich darauf der des Großvaters, der Tod eines Freundes und der Selbstmord seines Bruders Heinrich.

Der Durchbruch als Dichter gelingt ihm mit dem Werk Hesperus. Kurz zuvor nennt er sich fortan Jean Paul, denn er bewundert den französischen Schriftsteller und Pädagogen Jean-Jacques Rousseau. Eine Zeitlang lebt Jean Paul dann in Leipzig, Berlin, Weimar und Coburg. In Bayreuth schließlich kommt Jean Paul wieder zur Ruhe. Wenige Jahre zuvor ordnet er seine chaotischen Liebesverhältnisse durch die Heirat mit Karoline Mayer (noch in Berlin). In Bayreuth entstehen die Werke Levana, Leben Fibels, Schmelzle, Dr. Katzenbergers Badereise, Politische Fastenpredigten, die Selberlebensbeschreibung und Selina.

"Die Rollwenzelin" als gute Seele

Viel Bier, viel Wein und gutes Essen lassen den Dichter in Bayreuth immer stärker zunehmen. Vor allem die Wirtsfrau und Verehrerin Anna Dorothea Rollwenzel versorgt ihn und vermietet ihm in der beliebten Schankwirtschaft einen Raum, seinen geliebten Arbeitsraum, in dem er fern der Familie, aber mit Blick über Wiesen und Felder, schreiben kann. Jean Paul arbeitet wie ein Besessener, er lebt, um zu schreiben. Er schöpft auch neue Wörter wie Weltschmerz, Katzensprung oder Angsthase. Die „Rollwenzelei“ in Bayreuth sieht die Stadt heute als berühmteste Gedenkstätte zum Dichter. Denn natürlich gibt es rund um seine Stationen in Oberfranken, nicht nur in Bayreuth, noch etliche andere.

Am Endpunkt des Spazierganges, dem Schlosspark Fantaisie, lässt es sich wunderbar bleiben, sitzen und schauen. Für Jean Paul wird der Park „…zu einem seiner geliebten idyllischen Rückzugsplätze“, wie das Faltblatt informiert. Auch der dort beheimatete Adel sieht ihn gern zu Gast. Herzog Alexander I. von Württemberg, ein bedeutender Hochadliger seiner Zeit, ist so begeistert von Jean Paul, dass er ihn sogar als „‚Deutschlands vorzüglichsten Musensohn‘“ sieht und ihm einen Gedenkstein im Park setzen lässt.