Die Schriftstellerin aus dem Turm

Ursula Muhr wächst im Altdorfer Feilturm auf und findet erst nach vielen Berufen zum Schreiben. Heute hat sie mehr als 100 Kinderbücher, Satiren, Gedichte, Hörspiele und Kriminalromane für Erwachsene geschrieben und zahlreiche Preise erhalten. In letzter Zeit ist sie an Schulen vor allem mit ihrem Angebot des Storymailing, des gemeinsamen Schreibens einer Geschichte per E-Mail, sehr gefragt.

 Die Schriftstellerin Ursula Muhr ist im Altdorfer Feilturm geboren. "Wie wunderbar", dachte ich. Doch ihr Weg zum Schreiben war zunächst nicht so wunderbar, sondern stellenweise dornig. (Foto: Berg)

Die Schriftstellerin Ursula Muhr ist im Altdorfer Feilturm geboren. "Wie wunderbar", dachte ich. Doch ihr Weg zum Schreiben war zunächst nicht so wunderbar, sondern stellenweise dornig. (Foto: Berg)

Das erste Mal erfuhr ich vor ein paar Jahren von ihr im Radio. In einer Talksendung auf Bayern2-Radio erzählte die Schriftstellerin von ihrem Leben. Da höre ich natürlich genauhin. Als ich hörte, dass sie in Altdorf lebt, also fast bei mir um die Ecke, wurden meine Ohren größer. Wie sie dann noch erzählte, dass sie in einem Gefängnisturm der Altdorfer Altstadtmauer groß geworden ist, genauer gesagt im Feilturm, war ich endgültig hingerissen. Das war genau das Richtige für meine romantische Natur: eine Schriftstellerin, die in einem Turm der Altstadt aufgewachsen ist. Traumhaft! Bei so einer Herkunft kann man eigentlich nur Henker (nun ja, nicht wirklich traumhaft), Archäologe oder eben Schriftstellerin werden.

Dass ihr Leben und ihr Werden bis dahin öfter wenig traumhaft waren, erfuhr ich später. Denn ich wollte Ursula Muhr unbedingt kennenlernen und ein Interview mit ihr führen für die Zeitschrift TextArt, die sich an Autorinnen und Autoren richtet. Wir treffen uns zum ersten Beschnuppern in einem Café, später in ihrer hübschen kleinen Wohnung in Altdorf, sie hatte gebacken und einen Strauß Tulpen arrangiert. Viele Kinderbücher liegen vor uns auf dem Tisch.

„Abschied von Oma“ ist eines der Kinderbücher, die ihr besonders wichtig sind. In diesem verarbeitet sie eigene Erfahrungen kindgerecht. Das wiederum hat sie von der Pike auf gelernt. Denn als sie 1992 freie Mitarbeiterin beim Kinderbuchverlag Pestalozzi in Erlangen wird, „zwiebelt“ sie die Lektorin, mit der sie zusammenarbeitet. Bei dem wenigen Platz, den sie neben den Illustrationen für die Worte hat, muss jedes Wort, jeder Buchstabe sitzen. Auch deshalb „…weil das in manchen Familien das einzige Buch ist“. Viel lernt sie bei dieser Arbeit und erwirbt zunehmend Selbstbewusstsein im Schreiben, denn das ist es, was sie eigentlich will.

Nach dem Abitur in Altdorf studiert sie den noch jungen interdisziplinären Studiengang Berufsberatung an der Fachhochschule der damaligen Bundesanstalt für Arbeit in Mannheim. Übt anschließend verschiedene Brotberufe aus. Doch glücklich wird sie in ihnen nicht. Und erst, nachdem es ihr immer schlechter geht, sie 1989 mit zwei Kindern alleinerziehend und ohne Geld da sitzt und denkt, dass es schlimmer nicht mehr kommen kann, entscheidet sie sich dazu, endgültig das Schreiben zum Beruf zu machen. Sie beginnt, Lyrik, Satiren und Hörspiele zu veröffentlichen. Stück für Stück arbeitet sie sich voran und gewinnt die ersten Preise für Lyrik. Weitere werden folgen. Zwischendurch lebt sie in München, seit wenigen Jahren wieder in der fränkischen Heimat.

Geschichte und Lebenslügen

Nach nun fast dreißig Jahren als Schriftstellerin kann sie auf weit über 100 Kinderbücher, Satiren für den Bayerischen Rundfunk, Gedichte und einige Kriminalromane und andere Texte für Erwachsene zurückblicken. Vielleicht liegt es doch am Turm oder aber an der Geschichte ihrer Vorfahren aus Schnaittach: Geschichte jedenfalls spielt in ihren Texten immer wieder eine Rolle. Sowohl in ihren Kinderbüchern wie in Stellas Reise als auch in den Krimis für Erwachsene, von denen einer im Umfeld der Altdorfer Wallensteinfestspiele angesiedelt ist. Ein anderer ihrer Gotha-Krimis – sie war 2010 dort Stadtschreiberin – führt sogar bis nach Frankreich zur Nazi-Vergangenheit ihres Protagonisten bzw. dessen Vater. Im Kriminalroman Tod im Höhlensee verarbeitet sie teilweise die Suche eines Bekannten nach seinem französischen Vater. Daneben, so sagt sie in einem Interview 2012, sei die Beschäftigung mit Lebenslügen in Familien immer wieder ein Thema ihrer Bücher; für sie ein Grund allen Übels in vielen Lebenslagen.

 "Kinder da abholen, wo sie stehen" will Ursula Muhr. Einfühlsam geht sie in ihren Texten auf Probleme von Kindern ein. Das gilt auch für ihre gefragten Schullesungen. (Foto: Berg)

"Kinder da abholen, wo sie stehen" will Ursula Muhr. Einfühlsam geht sie in ihren Texten auf Probleme von Kindern ein. Das gilt auch für ihre gefragten Schullesungen. (Foto: Berg)

Die Arbeit mit Kindern, ihnen ein Gespür für (gute) Texte nahezubringen, ist ein großer Schwerpunkt ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin. Viele Lesungen führen sie z. B. regelmäßig an Tiroler Schulen. Da ist sie oft tagelang unterwegs. Aber auch hier an den heimischen Grundschulen ist sie zunehmend mit ihrem Angebot des Storymailing gefragt. Dabei schreibt sie nach einem ersten Treffen mit der Schulklasse (von der zweiten Jahrgangsstufe bis nach oben offen möglich) gemeinsam mit den Kindern eine Geschichte im Ping-Pong-Verfahren per Mail. Dabei lernen die Kinder viel übers Schreiben und über Texte. Einige Deutschlehrkräfte hätten das schon fest in ihren Unterricht integriert. Das Engagement der Schülerinnen und Schüler, deren Einfälle, die Texte und fertigen Bücher, die dabei entstünden, sind eine Freude für Ursula Muhr. Auch die Lesungen mit und vor Kindern geben ihr viel. In den letzten Jahren hat sie mindestens ein Buch pro Jahr herausgebracht. Sie hofft, dass es so noch lange weitergeht.

Noch mehr über Ursula Muhr, z. B. warum eines ihrer Kinderbücher sogar ins Koreanische übersetzt wurde, können Sie in meinem Interview mit ihr in der TextArt 4/2014 (PDF: "Tun, was mir am Herzen liegt.") nachlesen.