Wo Totenmasken und Tortenuntersetzer von fränkischer Literatur erzählen

Wahre Schätze fränkischer Autorinnen und Autoren harren fast vergessen von der Öffentlichkeit im Archiv der zentralen Stadtbibliothek Nürnberg ihrer Entdeckung. An die 10.000 Lebensläufe, Manuskripte, Zeitungsausschnitte und vieles mehr bilden die fränkische Literatursammlung. Seit kurzem haben Dr. Christine Sauer, Leiterin der Historisch-Wissenschaftlichen Abteilung der Stadtbibliothek, und ihre MitarbeiterInnen den Bestand im Überblick erfasst. Als nächstes folgen die Inhalte der vielen Kartons, Schachteln und Mappen, in denen manche Überraschung wartet.

 Viele lange Regalmeter voller Ordner und Schachteln mit Erinnerungen, Fotos, Manuskripten fränkischer Autorinnen und Autoren aus der Nachkriegsgeneration warten auf ihre Entdeckung (Foto: Berg).

Viele lange Regalmeter voller Ordner und Schachteln mit Erinnerungen, Fotos, Manuskripten fränkischer Autorinnen und Autoren aus der Nachkriegsgeneration warten auf ihre Entdeckung (Foto: Berg).

Passender könnte der Platz für die fränkische Literatursammlung kaum sein: Im belebten Bermudadreieck Nürnberger Kultur und Bildung, nämlich zwischen Bildungszentrum, Cinecitta und der Stadtbibliothek, ruhen unter der Erde in Dutzenden von Regalmetern die Nachlässe fränkischer Autorinnen und Autoren.

In den Katakomben der Stadtbibliothek befinden sich unter der Erde zahlreiche Keller mit Archiven. Die fränkische Literatursammlung ist eine davon.  In raumhohen grünen Regalen aus Metall stehen Ordner, große braune Pappkartons, schmale rote Büchlein dicht an dicht und verbreiten den typischen staubigen Duft von Geschichte, der Ehrfurcht und Neugier zugleich weckt. Jedenfalls bei demjenigen, der sich dafür interessiert.

Handgeschriebene Lebensläufe

Hervorgegangen ist die fränkische Literatursammlung aus dem Institut für fränkische Literatur. Dieses war auf Initiative  des Fränkischen Autorenkreises in der Würzburger Max-Dauthendey-Gesellschaft und des P.E.N. im Oktober 1964 entstanden. Schon damals wurde das Institut an die Stadtbibliothek Nürnberg angegliedert. Die Stadtbibliothek startete im März 1964 einen Aufruf an alle ihr bekannten lebenden Autorinnen und Autoren in Franken, dem Institut ihre Lebensläufe, Manuskripte, Zeitungsausschnitte und Ähnliches zu schicken und zum Aufbau des Institutes zu überlassen. Den Ruf haben die AutorInnen gehört: zuhauf schickten Sie beispielsweise ihre oft handgeschriebenen Lebensläufe. Manche davon kurz und knapp, andere sehr ausführlich und detailreich ausgeschmückt, freut sich Dr. Christine Sauer.

 In den unscheinbaren Aktenordnern lagern "Kopien, Abschriften und Sekundärliteratur" über keinen geringeren als Willibald Pirckheimer (1470 bis 1530). Auch über den in der Renaissance-Zeit lebenden Humanisten, Dichter, Publizisten, Künstler und Juristen sowie einflussreichen Nürnberger Bürger findet sich hier einiges (Foto: Berg).

In den unscheinbaren Aktenordnern lagern "Kopien, Abschriften und Sekundärliteratur" über keinen geringeren als Willibald Pirckheimer (1470 bis 1530). Auch über den in der Renaissance-Zeit lebenden Humanisten, Dichter, Publizisten, Künstler und Juristen sowie einflussreichen Nürnberger Bürger findet sich hier einiges (Foto: Berg).

Die damals wissenschaftlich ausgerichtete Stadtbibliothek legten die Verantwortlichen 1973 mit der Volksbücherei zusammen. Aus dem Institut für fränkische Literatur machten sie die fränkische Literatursammlung, die sie heute noch ist. In den letzten Jahren haben Dr. Christine Sauer und ihre MitarbeiterInnen den umfangreichen Bestand gesichtet. Ihnen war vor allem wichtig, die „Spezialsammlung mit AutorInnen der schönen Literatur so zu erfassen, dass sie jeder bei uns im Katalog recherchieren kann.“ Vorher hätten Interessierte in einem digitalisierten Zettelkatalog suchen müssen. Jetzt endlich sei der Bestand insgesamt erfasst. Als nächstes machen sich die MitarbeiterInnen an die Einzelheiten: die Inhalte jedes einzelnen Nachlasses pro AutorIn. In einer Kiste fand sich zum Beispiel eine Totenmaske eines Komponisten, in einer anderen ein Text, den der Autor offenbar eilig auf einen papiernen Tortenuntersetzer notiert hatte.

 In vielen Schachteln lagern u.a. private Fotos und vieles mehr; hier handelt es sich um Unterlagen des fränkischen Heimatdichters Georg Harro Schaeff-Scheefen (1903 bis 1984), der den AutorenVerband Franken gründete und nach dem auch ein Literaturpreis benannt ist (Foto: Berg).

In vielen Schachteln lagern u.a. private Fotos und vieles mehr; hier handelt es sich um Unterlagen des fränkischen Heimatdichters Georg Harro Schaeff-Scheefen (1903 bis 1984), der den AutorenVerband Franken gründete und nach dem auch ein Literaturpreis benannt ist (Foto: Berg).

„Das findet man nur hier“

Christine Sauer ist beeindruckt von der Sammlung: „Man bekommt einen sehr guten Überblick über die Produktion an schöner Literatur im Franken der Nachkriegszeit“. In den letzten Jahren wurde die Sammlung allerdings kaum noch angefragt. Vielleicht weil Forschende meinen, alles heute im Internet finden zu können, vermutet Sauer. Aber sie hofft, dass diese umtriebige Nachkriegsgeneration an fränkischen AutorInnen langsam wieder in den Fokus des Interesses rückt. Denn so manches private Foto und andere sehr persönliche Unterlagen fände man nur hier und sonst nirgends.