Als die Literaten „Weimar“ nach Franken holten

Ein Hauch von Weimar weht Anfang des 19. Jahrhunderts auch in den fränkischen Haßbergen, genauer gesagt auf der Bettenburg bei Hofheim in Unterfranken. Dort lädt der Hausherr Christian Dietrich Truchsess von Wetzhausen ab 1814 bekannte LiteratInnen und andere Intellektuelle zur „Bettenburger Tafelrunde“. Zu ihr gehören unter anderem Friedrich Rückert, Jean Paul, Karoline von Wolzogen oder Carl Maria von Weber.

 Fast unwirklich erscheint einem die romantische Bettenburg, zu der man ein ganzes Stück durch Feld und Flur fahren oder laufen muss. (Foto: Berg)

Fast unwirklich erscheint einem die romantische Bettenburg, zu der man ein ganzes Stück durch Feld und Flur fahren oder laufen muss. (Foto: Berg)

Tief versteckt im Bettenburger Landschaftspark liegt das als „Wahrzeichen der Haßberge“ bezeichnete Renaissance-Bergschloss Bettenburg. Denn die fränkischen Haßberge sind immer für eine Überraschung gut, wie ich spätestens seit meinen Recherchen über Schlösser und den Friedrich-Rückert-Wanderweg in dieser Region gemerkt habe.

Die 1231 erstmals urkundlich erwähnte Bettenburg wurde im Bauernkrieg von 1525 zerstört. Sie gehört allerdings seit dem 14. Jahrhundert den Truchsessen von Wetzhausen. Ritter Baltasar von Truchsess ließ sie 1535 wieder aufbauen. Dem 1755 im nahegelegenen Bundorf geborenen Christian Dietrich Truchsess von Wetzhausen fällt die Burg als Erbteil zu. Da ist er gerade 32 Jahre alt und hatte wie Goethe an der Universität Leipzig studiert, allerdings acht Jahre später als der Dichterfürst. Wenn auch nur für zwei Jahre. Christian Truchsess geht später zum Militär und widmet sich überdies intensiv dem Kirschenanbau. Er wird als ein offener, gelehriger und sehr kulturinteressierter Mensch geschildert, der vor allem Literaten um sich scharte und förderte.

So entwickelt sich wohl nach und nach auch durch die große Gastfreundschaft des als ritterlich empfundenen Burgherrn die sogenannte Bettenburger Tafelrunde.  Ganz besonders fördert er den jungen Friedrich Rückert. Daneben gehört der weitere fränkische Literat Jean Paul und auch der Märchensammler Ludwig Bechstein dazu,  ebenso der schwäbische Dichter Gustav Schwab, der u.a. die Sagen des klassischen Altertums übersetzte und sammelte. Der Shakespeare-Übersetzer Johann Heinrich Voß d.J. und der in Ansbach geborene Dichter und naturwissenschaftlich interessierte August von Platen sind ebenso Teil der Runde wie die Liederkomponisten Ludwig Spohr und Albert Methfessel.

 Eine verträumte Allee führt zur Bettenburg. (Foto: Berg)

Eine verträumte Allee führt zur Bettenburg. (Foto: Berg)

Den fünf Hektar großen Landschaftspark Bettenburg hat Freiherr von Truchseß 1789 anlegen lassen. Dazu – ebenfalls etwas versteckt – einen kleinen Rundweg durch den Park mit dem Minnesängerplatz und Denkmälern, die an das Wirken von Friedrich Rückert, aber auch Ulrich von Hutten und Götz von Berlichingen erinnern. Damals war eine Rückbesinnung auf das mittelalterliche Ritterideal gerade schwer in Mode. Auch Christian Truchsess begeisterte sich dafür. Salons, also das Treffen zu Diskussionen, Lesungen und Konzerten, gab es vom 18. bis zum 20. Jahrhundert von Kopenhagen bis Boston. Im deutschsprachigen Raum hatten wohl Berlin und Wien die meisten Salons, überwiegend geführt von intellektuellen Frauen adeliger Herkunft.

Als „…in ihrer Bedeutung überschätzte Tagesstätte“ hingegen fasst der Kulturhistoriker, Publizist und ehemalige Nürnberger Kulturreferent Hermann Glaser die Bettenburger Tafelrunde auf (Hermann Glaser, Franken – eine deutsche Literaturgeschichte, Schrenk-Verlag, Gunzenhausen, 2015, Seite 471).  Aber welche Bedeutung auch immer diese Tafelrunde gehabt haben mag – wer weiß schon, auf welche Weise Anregungen, Erlebnisse und Gespräche der Teilnehmenden ihre Wirkung in ihren Werken entfalteten – in jedem Fall gab es die Begegnungen bedeutender Intellektueller jener Zeit an diesem romantischen Flecken Frankens, den zu besuchen es sich lohnt.

 Die Zimmer zum Debattieren hat Christian Freiherr von Truchsess unter anderem nach Lessing, Schiller, Goethe und Wieland benannt. (Foto: Berg)

Die Zimmer zum Debattieren hat Christian Freiherr von Truchsess unter anderem nach Lessing, Schiller, Goethe und Wieland benannt. (Foto: Berg)

Heute ist die Bettenburg ein Seminarzentrum und nur zu bestimmten Anlässen öffentlich zugänglich. Sie ist noch immer im Besitz des alten fränkischen Adelsgeschlechts der Truchsessen von Wetzhausen.